Zeit für Vermittlung: Wie wird vermittelt

Von Christine Fegerl

Kunst- und Kulturvermittlung wird von den TeilnehmerInnen nicht selten als passiv erlebt. Es scheint, als würde die Teilnahme an Vermittlungsprogrammen, die Möglichkeit sich selbst in das Geschehen einbringen zu können, ausschließen.

Zunächst werden die unterschiedlichen Lehr- und Lernkonzepte zwischen den gängigen Bildungssystemen und der Kunst- und Kulturvermittlung analysiert. Während in der Schule zumeist ein genauer Plan als Basis für sämtliche Lehrmethoden fungiert, sind für das außerschulische Lernen eigene Dynamiken bezeichnend, die während des Zusammentreffens zwischen VermittlerInen und den TeilnehmerInnen entstehen.

Aus meiner eigenen Erfahrung als Kunst- und Kulturvermittlerin ist festzuhalten, dass sich jede Besuchergruppe voneinander unterscheidet. Dies gilt es am Beginn der Führung jedes Mal aufs Neue zu erspüren. Wo steht die Gruppe – was braucht die Gruppe – wo kann ich anknüpfen, um den TeilnehmerInnen eine bestmögliche Museumserfahrung sowie Wissensvermittlung zu ermöglichen. 

Diese und weitere Prozesse gilt es näher zu betrachten, um sie für die Kulturvermittlung nutzbar zu machen. Demzufolge gliedert der Text die Möglichkeitsräume der Beteiligung an  der Kunst- und Kulturvermittlung in folgende Kapitel:

Rezeptiv  Interaktiv Partizipativ Kollaborativ      und Reklamierend

ad Rezeptiv:

Unter rezeptiver Kulturvermittlung versteht man das Angebot u. a. von Ausstellungsführungen, Lesungen, Bereitstellung von Texten, wie z. B. Wandtexten in einer Ausstellung oder sämtliche Begleitpublikationen etc., aber auch Informationen die via Internet abrufbar sind.

Diese Art und Weise ist für jede Form von Vermittlung von Bedeutung. Inhalte werden transportiert und von den Teilnehmern gehört oder gelesen. Dabei handelt es sich um eine Tätigkeit, die nicht mit Passivität gleichzusetzen ist.

„Durch  das  Aufnehmen  und  Interpretieren  von  Information  wird  aktiv  Bedeutung hergestellt.“

ad Interaktiv:

Wird eine Führung durch eine „Gesprächsreihe“ ersetzt, sind die BesucherInnen dazu aufgefordert, sich an den Diskussionen zu beteiligen. Ob das auch tatsächlich geschieht, ist vorab nicht abschätzbar – zahlreiche Faktoren bedingen den Ablauf sowie den Grad der Beteiligung.

ad Partizipativ:

Dem gegenüber steht die partizipative Kulturvermittlung, in der der „Handlungsrahmen“ zwar vorgegeben ist, die TeilnehmerInnen haben jedoch die Möglichkeit ihre eigene Kreativität einzubringen. Beispiele, wie die Mitgestaltung von Ausstellungsinhalten, im Sinne von kuratorischen Tätigkeiten treten aktuell vermehrt auf.

Dabei gilt es jedoch vorab zu klären, wer die Teilnahme erlaubt bzw. ermöglicht und wer die Verantwortung für das Ergebnis übernimmt.

„An dieser Stelle löst sich die stets in Bewegung befindliche, unscharfe Trennlinie zwischen Kunstproduktion und Kunstvermittlung zusehends auf.“

ad Kollaborativ:

Darunter ist die Entwicklung eines Vermittlungsformates / Projektes zwischen den VermittlerInnen und den TeilnehmerInnen zu verstehen, d. h. Inhalte, Arbeitsabläufe und sämtliche Vorgehensweisen werden gemeinsam kreiert und beschlossen. Für derartige Projekte ist es von Bedeutung, Möglichkeiten der Reflexion und Aussprache bei entstehenden Konflikten bereitzustellen.

Sofern dieses Vermittlungsformat von den einzelnen Institutionen auch glaubwürdig repräsentiert wird, können daraus neue Publikumsschichten für die Zukunft generiert werden.

ad Reklamierend:

Selten kommt es vor, dass sich eine Gruppe aus Eigeninitiative an ein Museum wendet. So geschehen im Jahr 2004 im Wien Museum, im Rahmen der Ausstellung Gastarbajteri. Für die Konzeption von eigenen Vermittlungsformaten, aber auch für die Beteiligung an der Gestaltung der Ausstellung wurde  ein externes Büro (Büro  trafo.K) engagiert  bzw. hinzugezogen.

Doch wie und auf welche Weise werden die Inhalte nun tatsächlich vermittelt? Die Rubrik Lehr- Lernkonzept teilt sich in:

Instruktionistisch Handlungsorientiert

Konstruktivistisch und sozialkontruktivistisch

ad Instruktionistisch:

Anhand einer fiktiven Konzertreihe und den parallel dazu laufenden Informationsveranstaltungen, wird der Begriff erklärt. Es soll das Wissen um die Hauptperson – einem Dirigenten – erweitert und vertieft werden, obwohl die Besucher nicht

danach gefragt werden, ob sie nur die Musik hören wollen oder ob sie auch etwas dazulernen möchten. Die Informationen werden besuchergerecht vermittelt.

ad Handlungsorientiert:

Auch in diesem Lehr- und Lehrkonzept stellt die „Wissensvermittlung“ das oberste Ziel dar. Allerdings wird dabei der Blick auf alternative Lehrmethoden gelenkt, wie z. B. Workshops, Spiele etc.

ad Konstruktivistisch und sozialkonstruktivistisch:

Den Ausgangspunkt dafür bilden die Erkenntnisse rund um die Lernprozesse im menschlichen Gehirn. Menschliches Handeln, soziale Beziehungen und deren Reflexion stellen  die  Grundlagen  jedes  Lernens  dar.  Aus  diesem  Grund  ist  es  notwendig  eine

„möglichst förderliche Lernumgebung“ zu schaffen.

Gegenwärtig wird Lernen als „Veränderung und Aneignung von Verhaltensweisen und Einstellungen durch Erfahrung und/oder Üben“ verstanden. Lernen gilt als ein selbstständiger Prozess von „Sinnkonstruktion“. Der Dialog mit der Umwelt ist dabei ein wesentlicher Faktor. Aus diesem Grund ist es von Bedeutung, neben der Vermittlung von Wissen auch eine spezifische Umgebung einzurichten.

Die TeilnehmerInnen sind genauso wichtig wie die Lehrenden – zwischen beiden Gruppen herrscht eine wechselseitige Interaktion, beide können von einander lernen – aus meiner Erfahrung heraus, kann ich das in jedem Fall bestätigen. Jede einzelne Führung trägt dazu bei, den Vermittlungshorizont zu erweitern und gegebenenfalls zu verbessern!

„Zeit für Vermittlung: Eine online Publikation zur Kulturvermittlung“, herausgegeben vom Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste, im Auftrag von Pro Helvetia, als Resultat der Begleitforschung des «Programms Kulturvermittlung» (2009–2012).

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